Schon seit drei Jahren versucht die Projektgruppe «Vielfalt tut gut» im Landkreis Neumarkt den braunen Sumpf durch Aufklärung trocken zu legen. Und obwohl Initiatorin Carolin Braun auf Erfolge zurückblicken kann, stellt sie doch fest: Die Rechten werden radikaler. Das musste die Kreisrätin und stellvertretende Landrätin bereits am eigenen Leib erfahren.
NEUMARKT/DIETFURT - Es war eine erschreckende Entdeckung, die Carolin Braun vor wenigen Wochen machte. Ein Foto, das einen Mann mit Sturmmaske und einer Waffe zeigt, lag vor ihrer Haustür. Darunter der Spruch: «Are you ready to fight?» (Bist du bereit zu kämpfen?). Eine klare Botschaft, die ein Mitglied der örtlichen «Kameradschaft Altmühltal» der Politikerin gesendet hatte. Wenig später wurde diesen Worten noch durch eine E-Mail Nachdruck verliehen: «Nie wieder Juden, nie wieder SPD – wir kriegen euch alle.»
«Die Rechten radikalisieren sich», sagt Braun. Das zeige sich auch daran, dass der neu gewählte NPD-Bezirksvorsitzende Willi Wiener dem extremeren «Frei Netz Süd», das unter anderem für die Aufmärsche in Gräfenberg verantwortlich ist, nahe steht. Es sei also zu erwarten, so Braun, dass sich das in der nächsten Zeit auch nicht ändern werde.
Sorgen machen ihr weniger die «übrig gebliebenen Altnazis», sondern vor allem junge Menschen, die häufig trotz guter Ausbildung Halt in rechten Organisationen suchen. Ein klares Feindbild und die Möglichkeit, anderen die Schuld für alles geben zu können, sei für sie oft genauso Motivation wie das Bedürfnis nach Anerkennung und Sicherheit.
Obwohl diese vermeintlichen Säulen Trugbilder sind, musste Braun seit 2004 in Dietfurt erleben, wie die «Kameradschaft Altmühltal» immer mehr Anhänger um sich scharte und bei Skinhead-Konzerten gezielt nach jungen Leuten fischte. Zwar formierte sich in der Stadt schnell Widerstand, doch bald wurde klar, dass man weiter greifen müsse. Die Vernetzung der Gegner müsse genauso gut sein wie die der Rechtsradikalen.
In Anlehnung an das Bundesprojekt «Vielfalt tut gut», in dem sich Neumarkt als eine der ersten Städte als «Ort der Vielfalt» beworben hat, gründete Braun die Projektgruppe. Heute gehören ihr Renate Großhauser vom Kreisjugendring, Oliver Schmidt von der Kommunalen Jugendarbeit, Gero Wiescholek von der Regina GmbH, Monika Schmidt vom Christlichen Jugenddorf und Carolin Braun vom Bündnis gegen Rechtsextremismus im Landkreis Neumarkt an.
Hauptziel sei, die Multiplikatoren, sprich Schulen, Jugendeinrichtungen und ähnliches zu erreichen. So habe man zum Beispiel Veranstaltungen organisiert, in denen erklärt worden sei, an welchen Kleidern oder Zeichen man Rechstradikale erkenne, mit welchen Argumenten ihnen zu begegnen sei und welche Wirkung rechte Musik hat, die gemeinhin als «Einstiegsdroge» in braunes Gedankengut gilt.
«Ich will nicht auf den Lehrern herumhacken, aber viele bemerken es nicht einmal, wenn jemand mit einem Consdaple oder einem Lonsdale-Shirt vor ihnen sitzt oder provokativ eine 88 oder eine 18 auf die Tischplatte ritzt», sagt Braun.
Ein Defizit, von dem die Kreisrätin findet, dass es schon in der Lehrerausbildung behoben gehört. Ihrer Ansicht nach dürfe kein junger Lehrer die Universität verlassen, ohne zu wissen, dass besagter Schriftzug auf den T-Shirts zu einem NSDA(P) zusammenschrumpft, sobald der Träger ein offenes Hemd darüber anhat, oder dass die Zahlen ins Alphabet übersetzt «HH» für «Heil Hitler» oder «AH» für «Adolf Hitler» bedeuten.
Doch auch den Eltern will die Projektgruppe vermitteln, dass sie in den Zimmern ihrer Kinder «immer wieder mal nach dem Rechten» sehen sollten, wie ein Freund Brauns es einmal formuliert hat. Dafür sei jedoch notwendig, dass sie sich im Internet oder über Broschüren in den Ämtern auch informieren, worauf sie achten müssen. Schließlich sei Prävention das wichtigste im Kampf gegen das braune Gedankengut. Braun wird sich daher weiter engagieren. Und sich nicht einschüchtern lassen. NICOLE NETTER |